Ach, dem Himmel seis geklagt

Wenn man dieser Tage die Medien verfolgt und dabei ganz genau auf die Nennung des Wortes „Jagd“ aufpaßt kommt man nicht umhin zu bemerken, daß der Großteil der Journaille überhaupt keinerlei Ahnung hat, worum es dabei überhaupt geht. Ob die zahllosen dummen Artikel (völlig egal, ob Rundfunk oder Printmedium) tatsächlich nur auf Unwissenheit beruhen, oder ob da nicht vielmehr eine gehörige Portion Gehässigkeit mitspielt mag ein jeder für sich selbst entscheiden.

Das Unverständnis der Jagd gegenüber ist aber nicht nur eine Ausgeburt unserer heutigen Zeit – das gab’s früher durchaus auch schon. 1833 ließ Ferdinand Raimund in seinem Verschwender den Valentin Holzwurm folgendes Lied singen:

Wie sich doch die reichen Herrn

Selbst das Leben so erschwern!

Damit s‘ Vieh und Menschen plagen,

Müssen s‘ alle Wochen jagen.

Gott verzeih mir meine Sünden,

Ich begreif nicht, was dran finden,

Dieses Kriechen in den Schluchten,

Dieses Riechen von den Juchten.

Kurz, in allem Ernst gesagt:

’s gibt nichts Dummers als die Jagd.

1833 war es noch so, daß die Jagd den „reichen Herrn“ vorbehalten war. Das ist heute nicht mehr so, wenn man aber die Zeitungen liest könnte man meinen, daß sich der gute Valentin dort als Gastautor in die heutige Zeit herübergeschwindelt hat.

Schon um drei Uhr ist die Stund

Für die Leut und für die Hund.

Jeder kommt mit seinem Stutzen,

und da fangen s‘ an zum putzen.

Nachher rennen s‘ wie besessen,

Ohne einen Bissen z‘ essen,

Ganze Tage durch die Waldung,

Und das ist a Unterhaltung!

Ah, da wird eim Gott bewahrn,

D‘ Jäger sind ja alle Narrn.

Unverständnis beim Valentin, das könnte heute 1:1 so in irgendeinem Zeitungsforum stehen.

Kurz, das Jagen laß ich bleiben.

Was die Jägerburschen treiben,

Wie s‘ mich habn herumgestoßen,

Bald hätt ich mich selbst erschossen.

Über hunderttausend Wurzeln

Lassen eim die Kerls purzeln,

Und kaum liegt man auf der Nasen,

Fangen s‘ alle an zu blasen,

Und das heißen s‘ eine Jagd!

Ach, dem Himmel seis geklagt.

Ja, der Valentin hat das Jagern nicht g’lernt, er kennt sich halt nicht aus, das kann dann natürlich auch gefährlich werden! Genauso, wie für einen Laien eine Tischlerei (also Valentins Arbeitsplatz) ein sehr gefährlicher Ort sein kann!

Müd als wie ein ghetzter Has

Setzt man sich ins kühle Gras,

Glaubt man ist da ganz allein,

Kommt ein ungeheures Schwein.

Und indem man sich will wehren,

Kommen rückwärts ein paar Bären,

Auf der Seiten ein paar Tiger,

Und weiß Gott noch was für Vieher,

Und da steht man mitten drin!

Dafür hab ich halt keinen Sinn.

Der letzte Satz sagt alles: „Dafür hab ich halt keinen Sinn.“ Das ist dem Valentin unbenommen, dafür muß er auch keinen Sinn haben! Für den Jäger hört sich das aber großartig an: ein ungeheures Schwein, ein paar Bären – Herz, was willst du mehr? (Das mit den Tigern dürfte der Ferdinand Raimund heute aber nicht mehr schreiben, auch die Bären sind schon mehr als höchst bedenklich. Die Entenfellner und die Swoboda würden schon mit faulen Bio-Paradeisern um sich werfen!)

Wer den „Verschwender“ kennt weiß natürlich, daß der Valentin zwar vielleicht etwas einfach gestrickt, aber dennoch ein lebensweiser und herzensguter Mensch ist. Er weiß, daß ein jedes Ding zwei Seiten hat und daß sein Unverständnis der Jagd gegenüber die Jagd als solches nicht schlecht macht. Also singt er in der Repetition:

Nein, die Sach muß ich bedenken.

D‘ Jäger kann man nicht so kränken.

Denn, wenn keine Jäger wären,

Fräßen uns am End die Bären.

’s Wildpret will man auch genießen,

Folglich muß doch einer schießen.

Bratne Schnepfen, Haselhühner,

Gott wie schätzen die die Wiener!

Und ich stimm mit ihnen ein:

Jagd und Wildpret müssen sein.

(Lied aus „Der Verschwender“ von Ferdinand Raimund, 1. Aufzug, 11. Auftritt)

„Jagd und Wildpret müssen sein“ – so und nicht anders ist es. Gejagt wird, damit man Beute macht, das war immer so und wird auch immer so sein. Wenn einer am Wildbret nicht weiter interessiert ist, ihn als (ideelle) „Beute“ allein das Jagderlebnis oder die Trophäe reizt – was soll’s? Deswegen verkommt ja das Wildbret nicht. Das wird dann halt verkauft oder (wie vielfach in Afrika) ernährt ganze Dörfer. Schlecht?

Oder die in letzter Zeit vielgescholtenen „Jagdeinladungen“: Vor ein paar Jahren hat sich bei einer Niederwildjagd, zu der ich eingeladen war, der Jagdleiter bei der Streckenlegung bei allen Jägern für die „Schützenhilfe“ bedankt! Hat mir sehr gut gefallen und bringt die Mehrzahl der „Jagdeinladungen“ auf den Punkt: Eingeladen wird man, weil man ein guter Schütze ist, weil man einen guten Jagdhund hat, oder aber einfach weil man untereinander befreundet ist. Oft ist so ein Jagdtag auch nicht die reinste Hetz‘, das von Valentin oben besungene „Kriechen in den Schluchten“ kann, wenn’s den ganzen Tag so geht, nicht nur die reinste Freude sein.

Daß man Jagdeinladungen natürlich auch für geschäftliche Zwecke „mißbrauchen“ kann will ich gar nicht in Abrede stellen, wird schon so sein. Weshalb aber gerade auf die Jagd so hingepeckt wird ist mir nicht verständlich – da ist die Korruption in anderen Bereichen wesentlich größer und vielschichtiger: Um zur Jagd eingeladen zu werden muß man immerhin Jäger sein – aber um die günstige Wohnung, den vorteilhaften Kredit oder die Super-Prozente beim Neuwagenkauf in Anspruch zu nehmen muß man „nur“ korrupt sein.

Raimunds Valentin würde das verstehen. Unsere Presse versteht das nicht. Oder will sie es etwa nicht verstehen?

Nachtrag:

Der heutige Artikel war eigentlich schon seit Tagen fertig, trotzdem hat mir „im Hinterkopf“ irgendetwas gefehlt. Gestern bin ich dann d’raufgekommen, a bisserl a Kreativität könnt‘ nichts schaden! Ich will mich also – ganz unbescheiden – ein wenig in den Fußstapfen des großen Ferdinand Raimund versuchen, wohl wissend, daß ich da nur scheitern kann:

Was die linken Journalisten

Allerweil sich so entrüsten.

Daß die Leut gern jagen gehn

Werden die wohl nie verstehn.

Alles muß man auch nicht wissen,

z’viel verlangt wärs denken z‘ müssen,

Solang in Ruh bleib’n die Genossen

G’hetzt und g’schimpft wird unverdrossen.

Wirklich wahr, es ist mein Wille

Es soll sie holen der Godzille!

(kein Lied, kein Aufzug und kein Auftritt – aber ein echter dagarser)

Der letzte Satz zeigt, daß auch (in jeder Beziehung) kleine Äußerungen sogleich Einzug in den Volksmund finden, wer weiß, was zukünftige Editorials des WEIDWERK noch so hergeben werden!

Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, falls der eine oder andere meiner Leser auch eine neue Strophe zu diesem „Jägerlied“ beisteuern würde! Das wäre jedenfalls hier – und in anderen Fachpublikationen – sicherlich einen Artikel wert. Bitte also fleißig zu dichten, mit Veröffentlichung hier wird zugunsten einfacherer Verbreitungsmöglichkeit auf das Urheberrecht verzichtet!

4 Antworten zu “Ach, dem Himmel seis geklagt

  1. Pingback: Wochenrückblick 15/2012 | dagarser

  2. …..sehr gut, der Raimund hat tatsächlich in einem wunderschönen Jagdrevier, Gutenstein im Piestingtal, in seiner Villa Selbstmord begangen….der Graf Hojos hat ihn offenbar nicht eingeladen…..das kann ich verstehen…..

  3. Einfach immer wieder großartig, mein lieber Richard. Kann nichts dazu beitragen, ich kann leider nicht reimen. Aber eigentlich ist diese linke Bande doch gar nicht wert, dass man so einen zutreffenden Reim für sie verwendet.

  4. Großartig, lieber Freund!

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