Wenn Journalisten Politik machen

In den letzten Wochen und Monaten hatte bei den Meinungsumfragen, den „Sonntagsfragen“, die FPÖ immer hervorragende Ergebnisse, teilweise wiesen diese ihr sogar den ersten Platz zu. Das ist jetzt etwas anders, die letzte Sonntagsfrage zeigte die FPÖ lediglich auf dem dritten Platz. Was ist passiert?

Hat die Bevölkerung etwa endlich die staatstragende Genialität von SPÖ-Faymann entdeckt, oder gar das bahnbrechende Zukunftskonzept der ÖVP? Nein, es werden wohl die Auswirkungen der sogenannten „Causa Graf“ sein, die an diesem Ergebnis schuld sind. Was ist denn nun aber eigentlich die „Causa Graf“?

Zur Vorgeschichte: Eine vermögende alte Dame hat mit Hilfe des (heutigen) 3. Nationalratspräsidenten Graf eine Stiftung gegründet, mit dem Ziel im Alter versorgt zu sein und für die Zeit nach ihrem Ableben in ihrem Sinne Vorkehrungen zu treffen. Das dürfte jahrelang gut funktioniert haben, das Vermögen der Stiftung, der Graf bis vor kurzem vorstand, ist wohl in dieser Zeit auch gewachsen. Seit einem ORF-Bericht vor einigen Wochen ist das publik geworden, der Grundtenor: die mittlerweile 90jährige Dame fühle sich von Graf „über’s Ohr gehauen“, könne sich nicht einmal ein Taxi leisten, und dergleichen mehr. Darauf hat sich die Pressemeute natürlich gleich hyänenartig gestürzt, passiert ja nicht alle Tage daß ein hochrangiger FPÖ-Politiker als so eine leichte Beute erscheint (wobei zugegebenermaßen die Optik gewisser Stiftungsdetails nicht wirklich gut ist).

Landauf, landab wird seither auf Graf eingeprügelt er solle doch zurücktreten, sowohl als Stiftungsvorstand (hat er mittlerweile dem Wunsch der Stifterin entsprechend getan), als auch als 3. Nationalratspräsident (wird er hoffentlich nicht tun). Zwei Beispiele für diesen Raubtierjournalismus seien hier stellvertretend für viele andere genannt:

Am vergangenen Sonntag hat Conny Bischofsberger die betagte Stifterin für die „Krone“ interviewt, ein langes Gespräch, auch schön eingeleitet: Der alten Dame scheint es gar nicht so schlecht zu gehen, wenn sie schon kein Geld für ein Taxi hat so kann sie sich wenigstens doch Brote vom Trześniewski liefern lassen, frische Erdbeeren aus dem Burgenland sind auch da, na wenigstens muß sie nicht Hunger leiden, hat mich gleich einigermaßen beruhigt. Das Interview war dann soweit unspektakulär, es sind da ein paar „Schrullen“ zu Tage getreten, das muß man einer 90jährigen aber auch zugestehen. Ihr Schlußsatz hat es aber in sich: „Eine Bekannte hat mich gewarnt: Pass auf, Gertrud, sonst stessen s‘ dich noch unter ein Auto! Ich nehme an, dass sie doch nicht so weit gehen werden, dass sie mir etwas antun.“ Schöner kann so ein Schlußsatz gar nicht sein, alles drin, was das Journalistenherz hochhüpfen läßt: Eine arme alte Frau, sinistre Verschwörer, wohlmeinende obskure Dritte („eine Bekannte“), Lebensgefahr und letztendlich doch die lebensbejahende Hoffnung auf einen guten Ausgang. Könnte glatt erfunden sein, aber so gut sind die bei der Krone glaube ich nicht.

Das zweite Beispiel ist mir gestern in der Gratiszeitung „Heute“ ins Auge gestochen („Heute“ hat übrigens laut Herausgeberin Eva Dichand, der Tochter des jahrzehntelangen Herausgebers der „Krone“ Hans Dichand, nichts mit der „Krone“ zu tun. Und mit der SPÖ schon gleich überhaupt nicht, ja!?) In der gestrigen Ausgabe schrieb also eine gewisse Christiane Tauzher, als Ex-Gesellschafts-Redakteurin des KURIER und Ex-Society-Chefin von NEWS immerhin ein journalistisches Schwergewicht, einen lustigen Vergleich zwischen Martin Graf und Tony Wegas, einem Schlagersänger und wegen Drogendelikten sowie zweifachen Handtaschenraubes an alten Damen verurteilten Ex-Häftling, herbei. Heissa, da lacht das Herz! Ein Wunder, daß sich ein Gratisblatt so einen journalistischen Goldschatz überhaupt leisten kann! Auch hier übrigens besonders schön der letzte Absatz: „ (…) stürzt die Strache-Partei in Umfragen immer weiter ab. Martin Graf hat die hochfliegende FPÖ verwundet und den nächsten Möchtegern-Kanzler dazu. Danke, Herr Graf.“ Naja, womöglich bezieht die Frau Tauzher ihre Gage ja gar nicht von „Heute“.

Es ist ein stets wiederkehrendes „Spiel“: SPÖ und ÖVP bringen nichts auf die Reihe, naturgemäß läßt das die Opposition (und damit meine ich nicht den dunkelroten Zweigverein der SPÖ, die Grünen) erstarken. Plötzlich werden in den von Presseförderung und Regierungsinseraten abhängigen Medien irgendwelche Marginalien zu Staatsaffären aufgebauscht, die wundersamerweise ebendieser Opposition Schaden zufügen (sollen). Daher: Weg mit der Presseförderung! Wenn ein Medium nicht wirtschaftlich arbeiten und somit existieren kann, dann hat es eben Pech gehabt (das gilt im übrigen natürlich auch für die ORF-Gebühren). Weg mit den Regierungsinseraten! Die selbstbeweihräuchernden Meldungen diverser Ministerien interessieren in Wahrheit kein Schwein, kosten aber ein Vermögen an Steuergeld. Solange die Medien von Presseförderung und Regierungsinseraten abhängig sind (bzw. sich abhängig machen), solange kann man von einem unabhängigen, unbeeinflußten Journalismus höchstens träumen. Wer beißt schon die Hand die einen füttert? Wenn die Hand hingegen ein besonderes „Leckerli“ hält werden die tollsten Kunststücke vollführt!

Zum Abschluß noch ein paar Worte an Martin Graf: Er sollte sich die letzten zwei Zeilen eines Couplets des linken Kabarettisten Lukas Resetarits zu Herzen nehmen das ich einmal gehört habe: „Weu grod de woin, das i weggeh – bleib i do!

10 Antworten zu “Wenn Journalisten Politik machen

  1. Nachtigall, ik hör dir trappsen, sagt der Berliner, wenn was gar zu auffällig geschieht. Das mit Dr.Graf ist so eine Sache. Man will die Blauen schädigen. Eh klar. 👿

  2. Würdet ihr euch auch so aufregen wenn anstatt Graf zum Beispiel Peter Pilz der Hauptakteur dieses Skandals wäre?

    • Aufdeckenswürdiges rund um Peter Pilz gäbe es zuhauf, das wird man aber in der heimischen Medienlandschaft vergeblich suchen.

      Würde jetzt beispielsweise ein Medium behaupten, Pilz hätte sich in Nicaragua als Guerillakämpfer verdingt – würden unsere Systemschreiberlinge das dann allen „Grünen“ anlasten?

      • Ich würde mal behaupten das jede politische Strömung die Verallgemeinerungsform bei ihrer Kritik verwenden würde um ihrem politischen Gegner zu schaden.
        Wenn z.B Pilz, Glawischnig oder Vasilaku in einen Skandal verwickelt sind dann wird der politische Gegner schon dafür sorgen das man medial auf alle Grünen eindrischt.
        Jetzt hat man halt den blauen Graf bei einer Sache mit schiefer Optik erwischt und der politische Gegner nutzt das aus um den FPÖlern eins auszuwischen.
        Das nächste mal erwischts vielleicht den schwarzen Erwin aus Niederöstereich oder den fetten roten Michi aus Wien den man dann zum Rücktritt zwingt und der angehörigen Partei noch ordentlich eins reinwürgt. 🙂
        (Träumen wird man ja noch dürfen…)

        Was mich aber etwas mehr stört das ist die Tatsache das viele Waffenblogs und Interessensvertretungen für Waffenbesitzer automatisch mit Blau oder zumindest Schwarz symphatisieren und sich noch politisch für diese Leute einsetzen.
        Ob es eines Tages zum guten Ton gehören wird das man als Jäger oder Schütze ein blaues oder zumindest ein schwarzes Parteibuch hat?

        Ob sich diese Parteien auch noch nach einem kriminellen Anlassfall bei dem eine Legalwaffe im Spiel war und wo es viele Opfer gegeben hat auch noch zum freien Waffenbesitz in Österreich bekennen?

        Ich glaube nicht!

        Und schon alleine deshalb sollte man als Waffenbesitzer zu allen politischen Strömungen abstand halten.

        • Wer mich kennt, oder wer meinen persönlichen Werdegang in Waffenrechtsfragen verfolgt hat wird wissen, daß ich stets um Äquidistanz zu allen Parteien bemüht war. Ich habe heute noch irgendwo meine damalige Korrespondenz mit der KPÖ(!) herumliegen (aus dem Vorfeld einer Wien-Wahl), die waren mir bald lieber als die Schwarzen und die Grünen, immerhin ehrlich.

          Waffengesetzgebung ist aber Gesetzgebung, die wiederum ist Politik, da führt kein Weg daran vorbei. Nicht alles was blau ist ist strahlend schöner Himmel, schon klar, sie sind aber (auch) in Waffenfragen das „kleinste Übel“. Man wird genügsam.

  3. Pingback: Wochenrückblick 23/2012 | dagarser

  4. Waren die (huren)medialen Aufregungen über Dr. Graf als Stiftungsvorstandsmitglied etwa die Fingerübungen für die Aufregungen über diverse Stiftungen und Firmengeflechte der leibhaftigen Unschuldsvermutung? Man weiß es nicht.

    Da ich eine (wenngleich sehr kleine) politische Funktion erfülle, verzichte ich darauf in einen Stiftungsvorstand einzutreten. Ich gehe also den umgekehrten Weg von Dr. Z. Ich glaube aber, daß beide Wege richtig sind.
    Wenn aber der Schmierenjournalismus in Österreich weiterhin anhält, werden so manche Leute eher stiften gehen, als nach Treu und Glauben für das Österreichische Volk zu dessen Wohl zu arbeiten. Verrat wird ja – nach dem Willen von Verrätern – mit Ehrentafeln oder ähnlichen Dingen honoriert. Wie war das doch mit Nietzsche und seinem Ausspruch über Zeitungen? Ach ja – er hat nur über Zeitungen gesprochen – nicht über gewisses Politikerpack… Für dieses gilt immer die Unschuldsvermutung. Siehe z. B. den Korruptionsfall Rapid. Aber da waren ja Rote involviert. Da nennt man es nicht Korruption.

  5. Es ist wohl bezeichnend für Meinungsumfragen.
    Gehe ich in Wien in einen sozialistischen (ex DDR Ausdruck) Plattenbau werde ich 98 % pro SPÖ Umfrageergebnisse haben,
    mache ich das Selbe auf einer Bauernversammlung, was meint ihr wer dort vorne liegt?
    ICH GLAUBE NUR EINER STATISTIK, DIE ICH SELBST GEFÄLSCHT HABE!

  6. Ich bin übrigens auch Vorstand einer Stiftung. Auf meine politische Karriere verzichte ich daher.

  7. ….wie war doch das Wort von Nietzsche???
    …über Zeitungen in hundert Jahren….

Hinterlassen Sie einen Kommentar!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s