Zivilcourage

Gestern beim Frühstück habe ich im Fernsehen bei „puls4“ eine hochinteressante Sendung aus der Reihe „WIFF – Österreich“ gesehen, hat mir sehr gut gefallen aber mich doch auch nachdenklich gemacht.

Es ging dabei um das Thema „Zivilcourage“, ein Fernsehteam hat – begleitet von einem Psychologen – zwei Schauspieler mit versteckter Kamera in folgenden Situationen gefilmt: Die Schauspielerin (ein fesches Mädel) wird von dem zweiten Akteur (Typ „Skinhead“) bedrängt, und zwar in aller Öffentlichkeit (Bushaltestelle) bzw. in der Nacht im finsteren Park. Zweck dieser Versuchsanordnung war festzustellen, ob und wie viele Passanten dem Opfer zu Hilfe kommen würden.

Das Ergebnis war anfangs jedenfalls ernüchternd: Der Mann hat das Mädel offensivst „angebraten“, sie hat sich das nicht gefallen lassen, da wurde er dann sogar handgreiflich. Das wurde von den Zeugen des Geschehens ignoriert, manche haben sich weggedreht, gerade ein einziger (!) junger Mann ist dazwischengegangen. Furchtbar.

Daraufhin wurde das „Drehbuch“ geändert und die junge Frau angewiesen ihren Angreifer vernehmlich mit „sie“ anzusprechen und aktiv die Umstehenden um Hilfe zu bitten. Ganz erstaunlich: Auf einmal wurden die Leute aktiv und haben die Frau in Schutz genommen, haben sogar gegen den Provokateur Front gemacht. Auf Aufforderung geht’s also offenbar.

Auch im dunklen Park wurde der Frau (ohne Aufforderung) geholfen. Insgesamt ein sehr guter Bericht, hat mich geradezu fasziniert. Hier kann man ihn sich anschauen: http://www.puls4.com/video/wiff/play/1727318

Welche Lehren kann man aber daraus ziehen? Zunächst: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner. Wenn du dir nicht selbst helfen willst oder kannst dann bitte um Hilfe, du wirst sie (wahrscheinlich) bekommen.

Natürlich habe ich mir auch die Frage gestellt wie ich mich in so einer Situation verhalten würde. Ganz klare Antwort: Ich würde das Mädel fragen ob ich behilflich sein kann, im Zweifelsfall (beispielsweise bei Übermacht oder körperlicher Überlegenheit des/der potentiellen Gegner) würde ich umgehend die Polizei alarmieren, dafür sind sie ja schließlich da. „Wegschauen“ käme für mich nicht in Frage, ich will mich ja auch nachher noch im Spiegel anschauen können.

Damit will ich jetzt nicht sagen daß ich „besser“ bin als diejenigen die nicht eingeschritten sind (naja, irgendwie schon), aber ich habe mir über dieses Thema halt schon öfters Gedanken gemacht. Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt, ich wittere nicht überall Gefahren aber ich bin mir darüber in Klaren daß es sie gibt. Dazu zitiere ich Jeff Coopers „Color Code“:

In White you are unprepared and unready to take lethal action. If you are attacked in White you will probably die unless your adversary is totally inept.In Yellow you bring yourself to the understanding that your life may be in danger and that you may have to do something about it.In Orange you have determined upon a specific adversary and are prepared to take action which may result in his death, but you are not in a lethal mode.In Red you are in a lethal mode and will shoot if circumstances warrant.

(In „Condition White“ bist du unvorbereitet und nicht in der Lage dich gegen einen tödlichen Angriff angemessen zu wehren. Wenn du in „White“ angegriffen wirst, wirst du wahrscheinlich sterben, außer der Angreifer ist komplett unfähig. In „Condition Yellow“ bist du dir bewußt daß dein Leben in Gefahr sein könnte und daß du gegebenenfalls Gegenmaßnahmen ergreifen mußt. In „Condition Orange“ hast du eine spezifische Bedrohung ausgemacht und bist bereit, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen um diese Bedrohung mit allen erforderlichen Mitteln auszuschalten, selbst wenn das den Tod des Angreifers zur Folge hätte. „Condition Red“ ist schließlich die reale Kampfsituation wo es um Leben oder Tod geht. (frei übersetzt)

Ich bin weiß Gott nicht paranoid, aber „Condition White“ gibt’s bei mir nur wenn ich zu Hause oder bei Freunden bin. Sobald ich einen Fuß vor die Türe setze bin ich in „Condition Yellow“, sprich: Begegnen mir Leute die ich nicht kenne schaue ich mir die genau an. In einem Lokal sitze oder stehe ich nicht mit dem Rücken zur Eingangstür, falls doch schaue ich wenn jemand hereinkommt. Wenn mir etwas auffällt schaue ich genau hin und nicht weg. (Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, das soll sich aber ein jeder selbst überlegen.)

Auf oben geschildertes Experiment umgemünzt bedeutet das, daß mir diese Situation nicht entgangen wäre, wie gesagt würde ich der Frau meine Hilfe anbieten, ich wäre aber nicht mehr in „Yellow“ sondern in „Orange“. Bevor das jetzt einer mißversteht: Das heißt nicht daß ich den Kerl erschießen würde (außer es geht wirklich um Leben oder Tod, etwa eine Messerattacke), aber ich wäre auf eine körperliche Konfrontation vorbereitet, überraschen würde mich ein Angriff nicht mehr. Da braucht man auch keine Schußwaffe, eine eng zusammengerollte Zeitung beispielsweise ist da ein hervorragendes „Gerät“, als Hieb- wie als Stoßinstrument, ebenso der Schlüsselbund in der Faust.

Am sinnvollsten ist aber sicherlich das Handy am Ohr, am anderen Ende die Polizei. Nur muß man halt auch vorbereitet sein wenn die Situation eskalieren sollte. Weil dann nutzt das Handy gar nichts.

Ich will jedenfalls kein „Opfer“ sein. Dann darf ich mich aber auch nicht wie ein Opfer verhalten.

8 Antworten zu “Zivilcourage

  1. Pingback: Furcht und Unruhe | dagarser

  2. Condition Yellow – und ich dachte schon, die Jahrzehnte in meinem Beruf hätten mich negativ verändert!!

  3. Pingback: Wochenrückblick 30/2012 | dagarser

  4. »Ich habe seit meiner Kindheit ein Opinel in meiner Hosentasche und eine Schnur….das muss sein.«

    Die »Partisanenschlinge« habe ich mir schon lange abgewöhnt, weil ich durch das Krafttraining die Zugkraft der Arme nicht zu 100% kontrollieren kann. Und das ginge für mich nicht gut aus, weil derjenige, dem ich die Luft abdrehte, hernach sicher tot wäre. Ich sitze nicht jahrelang ein, weil ich einem Opfer mit einer tödlichen Waffe geholfen habe. Messer und Schußwaffen kann man selber leichter kontrollieren. Abdrängstöcke sind noch praktikabler – außer der Angreifer droht mit einer Schußwaffe.

  5. Heckenschütze

    Ich bin zumindest hemmungslos ehrlich und gebe zu das ich wahrscheinlich nichts getan hätte als blöd zu schauen und dann weiter zu gehen.
    Bei Raufereien mische ich mich nicht ein weil ich habe keine Lust anderen zu helfen und dann selber eine auf´s Maul zu bekommen.
    Von den rechtlichen Schwierigkeiten die man danach noch bekommt möchte ich garnicht mal nachdenken.

    Wenn ich sehe das eine Person aus medizinischen Gründen bewusstlos am Boden liegt bin ich aber schon bereit die Rettung zu rufen und die Person in die Seitenlage zu drehen aber sobald ich das Blaulicht der Einsatzkräfte sehe dann schwirre ich ab weil ich keine Schwierigkeiten bekommen will.

  6. Nicht nur, daß unsere Politiker die Leute an der Notwehr hindern, erfolgreiche Notwehr wird auch noch bestraft. Passiert dem Täter etwas, kann man sicher sein, daß ein Verfahren gegen den Verteidiger stattfindet und man viel Glück haben muß, hier davonzukommen. Gar nicht zu reden von allfälligen Schadenersatzforderungen des Täters.
    Unsere Verwaltung und unsere Justiz ist krank und begünstigt das Verbrechen, wo es nur geht.
    Zivilcourage wírd uns ausgetrieben.

  7. Ich hätte mich auch schützend dazwischen gestellt. Wenn der Typ dann versucht hätte mich mit seinen Springerstiefeln am Boden zu traktieren, dann hätte meine beiden Freunde helfend eingegriffen.
    Ach ja, meine Freunde heißen „Smith & den Wesson.“

    Gäbe es in Österreich ein Waffengesetz, daß anständige Bürger beschützen wollte, hätte die Dame die beiden mächtigen Beschützer selbst dabeigehabt (so sie schon 21 war). Aber wie wir alle wissen, hat unser Waffengesetz ja nur den einzigen Zweck, „rechtstreue Bürger“ damit schikanieren zu können.

    Den verantwortlichen Politikern und Beamten sind das Leben und die Gesundheit der unbescholtenen Bürger scheißegal. Viel wichtiger ist das Wohlergehen der Kriminellen. Mit dem Waffengesetz hat man die Arbeitsbedingungen der Verbrecher schon beträchtlich verbessern können. Auf der Straße zumindest, dürfen sie davon ausgehen, daß es (bis auf fast nicht vorhandene Ausnahmen) keinen bewaffneten Widerstand mehr geben kann. Der Täterschutz funktioniert bei uns perfekt!

  8. …..ja, das persönliche Verhalten ist sicherlich ein Ausgangspunkt bei diesen Betrachtungen. Ich hatte einen Arbeiter, der war das geborene Opfer. Der tat keinem etwas, war nicht angriffslustig, unscheinbar, schmächtig, aber er forderte scheinbar Kopfschüssler heraus, ihn anzugreifen.
    Ich selbst stand einmal in der U-Bahn nach einem Rapidmatch und alle Fahrgäste wurden von frustrierten Rapidlern angepöbelt, Zeitungen weggenommen, von den Sitzen geworfen usw., nur mich übersahen sie, so als ob ich gar nicht existieren würde, denn auch Nebenstehende pöbelten sie an, ich habe nur darauf gewartet darauf, das einer mich angreift….keiner tat es, ich war gespannt wie eine Feder, dem Ersten die Nase zu brechen….

    Ein anderes Mal, auch in der U-Bahn, Friedensbrücke. Eine junge Frau stand etwa 2 m rechts neben mir und wir warteten auf den Zug, Bahnsteig voll von Leuten.
    Ein Mann kam über die Rolltreppe herunter, ein Bier in der Hand, eines unter dem Arm, mit den Worten: Ich bin Pole, ich ficke eure Frauen besser….und stellte sich 2m vor der jungen Frau hin und wiederholte das. Als die Frau nicht reagierte, stellte er sich auf 50cm vor die Frau und sagte das nochmals.
    Daraufhin nahm ich mein Messer, klappte es demonstrativ sichtbar langsam auf, ging auf diese beiden zu und fragte die junge Dame:
    Fräulein, brauchen sie eventuell ein Messer, ihre Fingernägel zu reinigen?
    Die Schuhsohlen des Polen haben geraucht bei seinem Abgang, aber was mich am meisten beeindruckt hatte:
    Der vorher volle Bahnsteig hatte sich links und rechts etwa 10m geleert….
    Soviel zu Hilfeleistung….vermutlich hätte der die dort vergewaltigen können und die Leute hätten sich nur weg gedreht….
    Ich habe seit meiner Kindheit ein Opinel in meiner Hosentasche und eine Schnur….das muss sein.

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