Die Verantwortung der Medien

Kaum passiert irgendwo ein „Amoklauf“ stürzen sich die Medien wie die Geier auf dieses Thema, der Verbrecher wird so gleichsam – in seiner irren Gedankenwelt – heroisiert. Bestes Beispiel dafür in der jüngsten Vergangenheit ist der Attentäter von Aurora: Volle Namensnennung, Fotos von dem Rotschädel auf Titelseiten, etc.

Das sendet eine fatale Botschaft an labile Gestalten – wenn irgendein verwirrter „Niemand“ seine „15 minutes of fame“ haben möchte weiß er genau was zu tun ist, einfacher und billiger auf sich aufmerksam zu machen als mit einem „Amoklauf“ ist fast nicht möglich. Und da sind die Medien eindeutig in die Verantwortung zu nehmen!

Daß es auch anders geht sieht man anhand der freiwilligen Selbstbeschränkung der Presse bei Schienensuiziden, um dem sogenannten „Werther-Effekt“ vorzubeugen wird über Selbstmorde mit der Bahn (also das berühmte „vor den Zug schmeißen“) nicht oder nur äußerst zurückhaltend berichtet. Da geht das also.

Kaum ist aber eine Schußwaffe im Spiel gibt es keine Prinzipien mehr, dabei sind gerade solche „Amokläufe“ in aller Regel in Wahrheit nichts anderes als erweiterte Selbstmorde bzw. „suicide by cop“, Feiglinge also die zwar nicht sich selbst, dafür aber zahlreiche andere Menschen erschießen können und hoffen, daß dann die Polizei für sie die Sache erledigt. Wo bleibt da die Selbstbeschränkung der Medien? Wie sieht es da mit der „journalistischen Ethik“ aus? Wird das gar der vorgegebenen Linie der Medien „Keine Waffen im Volk!“ geopfert?

Der deutsche Strafrechtsprofessor Dr. Henning Ernst Müller hat sich dieses Themas angenommen und fordert gar eine gesetzliche Beschränkung der Berichterstattung über Mordanschläge, ein lesenswerter Artikel: Kein Podium für ruhmsüchtige Attentäter. Hier ein paar Zitate:

  • Die Täter werden in ihrem Streben nach Prominenz bislang regelmäßig zufrieden gestellt: Nationale wie internationale Medien verbreiten meist schon kurz nach einem Anschlag Namen und Bild des Tatverdächtigen. Nicht etwa eine Goldmedaille bei den olympischen Spielen, sondern ein Anschlag mit möglichst vielen Toten scheint die effektivste Methode zu sein, weltweiten Ruhm zu erlangen, sei er auch noch so negativ besetzt.
  • Sollten nicht Redakteure und Verlagsverantwortliche per Strafandrohung daran gehindert werden, Namen, Bilder und identifizierende Informationen über Tatverdächtige von Tötungsdelikten solcher Art zu verbreiten? Dabei geht es kriminologisch nicht um „Amokläufe“, sondern um Phänomene von willkürlichen Mehrfachtötungen, wie sie seit ca. 30 Jahren an Bildungseinrichtungen, aber auch an anderen öffentlichen Lokalitäten vor allem in den USA und Westeuropa vorkommen. Wenn unter Androhung strafrechtlicher Konsequenzen kein Medium identifizierend über den Täter berichten dürfte, bestünde auch kein wirtschaftlicher Anreiz, das Verbot zu verletzen.
  • Damit sind Printmedien von „Bild“ über „Stern“ und „Spiegel“ bis hin zu Tageszeitungen, aber auch Fernsehnachrichten und Internet-News-Portale weiterhin mit dafür verantwortlich, dass der Wunsch der Täter nach medialer Aufmerksamkeit erfüllt wird und potentielle Nachahmer ermutigt werden.
  • Selbstverständlich ist ein solches strafbewehrtes Verbot, über dessen genaue Ausgestaltung noch zu diskutieren wäre, ein Eingriff in die Pressefreiheit. Im Verhältnis zu dem Ziel, weitere Anschläge zu verhindern, ist die Strafandrohung aber angemessen.

Kluge Worte und ein hochinteressanter Ansatz, denn wer bei solchen Themen auf Anstand und Verantwortungsbewußtsein der Medien hofft, der hofft vergebens.

 

10 Antworten zu “Die Verantwortung der Medien

  1. Pingback: Wochenrückblick 32/2012 | dagarser

  2. ….Bevölkerung ruhig stellen, mittels profitabler Drogen und weg mit den für die beteiligten Profiteure gefährlichen Mitteln der Selbstverteidigung, der geschädigten Opfer – so schaut die Rechnung aus und die Medienvertreter glauben, auf der Seite der Gewinner zu sein – nur wie lange?
    Das sollten sich diese Herrschaften einmal selbst fragen….

  3. Christian Westphal

    Die Erkenntnis, dass die aktuelle Art und Weise der Berichterstattung Nachahmungstaten generiert, liegt auch aus einem anderen Blickwinkel vor: Der Kriminologe und Sozialpädagoge Frank J. Robertz widmet der Pressearbeit in seinem hervorragenden Werk zu school shootings „Der Riss in der Tafel“ einigen Platz im Abschnitt 6.4. Dort nennt er fünf Punkte, die Berichterstattung ermöglichen und die Gefahr von Nachahmungstaten minimieren.
    Bei Vergleichen mit aktuellen Berichten deutscher Medien zeigt sich, dass unsere Journalisten diese einfachen Handlungsempfehlungen bewusst oder unbewusst nahezu vollständig ignorieren und ihnen so eine gewisse Verantwortung für Folgetaten zuzusprechen ist.

  4. Dr. Henning Ernst Müller nennt das Kind beim Namen!

    Wir werden – später – sich auch noch erfahren, welchen Drogenmix der „Rotschädl“ geschluckt hat. Derzeit sind die Pillenhersteller im Verbund mit den Psychoprofis ja noch intensiv damit befaßt, alles zu vertuschen!

  5. Den meisten Massenmedien ist es egal ob man durch die eigene sensationsgeile Berichterstattung andere Dummköpfe zu Nachahmungstaten anstiftet solange man damit Geld verdienen kann.
    Aber im Endeffekt ist es der Mensch selber der kranke Gedanken hat und nicht die Zeitung oder das Fernsehen was solche Leute dann zu ihrer Tat animiert.
    Die Berichterstattung über solche Gewalttaten sind meiner Meinung nach eher der Funke der ein bis oben hin mit Hass gefülltes Pulverfass trifft.

    Was mich bei solchen Taten aber immer überrascht ist die Tatsache das es sich bei den Tätern oft um intelligente junge Leute handelt die eine gute Zukunft (Schule,Beruf,Geld) und auch ein normales Familienumfeld hatten.
    Bei einem frustrierten Loser aus einer Gewaltproletenfamilie würde ich es eher verstehen das er sein Leben weg wirft.
    Der Typ aus Aurora der im Kino herum geschossen hat der war ja laut den Medien ein Elitestudent im Bereich Neurologie und bis einige Monate vor seiner Tat sehr erfolgreich ins einem Studium.
    Es wäre schon interessant zu wissen was da im Kopf dieses Menschen vorgegangen ist.

    • Dazu gibt es schon Verschwörungstheorien, nämlich, daß der Täter unter Drogen gesetzt worden ist, deshalb sein Studium abbrechen mußte und dann zu den Taten hingeleitet wurde. Das mutet zwar recht konstruiert an, Drogen waren aber sicher im Spiel wie bei allen diesen Fällen.

      • ….so viel Verschwörungstheorien gibt es gar nicht, welche die Realität übertreffen könnten….wir sind Zeitzeugen.
        Das erinnert mich immer daran, dass man in meiner Kindheit auch nicht das Undenkbare denken wollte und dann waren es doch 5Mill. tote Juden….

  6. Die Medien werden sich nie daran halten. Sie haben ja auch einen Auftrag und der lautet: Weg mit den Waffen aus den Händen von privaten, unbescholtenen Bürgern!

  7. ….ja, diesen Vorschlag zur Selbstbeschränkung der Medien, habe ich hier schon einmal geäussert.
    Ein weiterer, vermutlich schwer durchzusetzender Vorschlag wäre, Ärzte und Pharmaindustrie, wegen deren oft problematischem Umgang mit Psychopharmaka in die Pflicht zu nehmen, denn diese sind in der Regel bei solchen Taten im Spiel.
    Heute kann fast jeder, sich mit kleinen oder grösseren Problemchen, diese sich mittels bunter Pillen wegzugifteln…anstatt die Probleme zu lösen, welche wohl jeder im Laufe seines Lebens hat…
    Das ist für mich Beihilfe zu solchen Taten!

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